Ein Wintermaerchen

…. Was ein nach Vögeln benanntes Weinprojekt mit Darmstadt zu tun hat. Mit Pizza Essen. Und einer verschlafenen Ampel.
Von Marianne Klausberger. (Mit: Franks Schuh in der Hauptrolle.  Mit: Nick Tjaardstra, Marzipan. Erbse.)

Interessante Natur-Forschung betreiben. Raupen-Samba beobachten. Geduld üben. In Süsse baden. Tolles schmecken.

All diese tollen Gedanken sind etwas fern, wenn der Wecker an einem Sonntag Früh Entengequake loslässt. Und doch steht unser alter Bus kurz danach an der Kreuzung Liebig-Strasse/Ecke Bismarck-Strasse. Und wir warten, – weil man an dieser Ampel immer wartet, egal, ob am Montag um 6 Uhr früh oder am Sonntag um-, na ja, sagen wir mal ‘etwas später’.

geschenksband ausgebleicht

Wie finde ich meinen “Weinberg”? Das inzwischen verblichene[?] Geschenksband.

Aber der Zweck der Sonntagsübung ist damit noch nicht vorbei. Das wär ja auch eine Möglichkeit: An die Kreuzung fahren, Geduld üben. Auf das Öffnen des Prinz-Georg Gartens warten, Geduld üben. Und danach zurück auf’s Sofa und irgendwann eine Flasche Wein öffnen.

Apropos Wein. Damit hat er Sonntags-Törn auch etwas zu tun. Denn tatsächlich geht die Fahrt zu gepachteten Weinreben in Rheinhessen.  Und nach vielen Sonntagen oder Ähnlichem an Schneiden, Hacken, Laub-Abreissen, Ausschneiden, Begrünung Be-dings-en, etc, kommt da am Ende des Jahres tatsächlich ein (- unser- ) Prädikatswein raus, ein weisser, ein Silvaner bzw Bacchus. – 2013 wird der dritte Jahrgang sein.

Ein “Weinberg” sagen wir oft, das ist vielleicht falsch. Ja, es ist ein sanfter Hang, aber belegt mit unzählbaren Autobahnen an Reben und wir müssen unsere erst mal finden, 3 Reihen hier, 2 Reihen da, inmitten einer echte Monokultur eben.  Ein schimmerndes Geschenksband, ein roter Faden sozusagen, angebunden an den ersten Pfosten, half da schon, bis die Sonne das Band unsichtbar bleichte.

Es gibt also ein Stück zu laufen, zwischen den Reben, und Frank vom CoWo21 hat da schon mal seinen Schuh verloren, so kaugummi-zäh kann der “Löss” sein, der kamel-braune Boden, den die Reben offensichtlich so mögen. Die Bodenkarten, angefordert vom Bundesamt für Geologie, sagen uns dann, wo der Boden unter unseren Reben etwas kalkiger wird, – wir werden versuchen, das im fertigen Wein rauszuschmecken.

“Weinberg”, das klingt so romantisch. Und doch ist es auch eine verdeckte, ja sogar versteckte, Schönheit, der wir an diesem Sonntagmorgen entgegenfahren: Der Blick von der Rhein-Fähre aus auf den Roten Hang bei Nierstein wird verdeckt von den Auto-Ameisen auf der B9, die Thermosflaschen an Kakao und Kaffee sind bei arger Kälte schon ganz schön schnell leer und die Papageien quietschen uns was vor, dass sie lieber in unserem warmen Wohnzimmer auf dem Rücken liegen würden und bunte Kugeln herumschubsen würden, als hier uns auf der Schulter zu begleiten, bis wir alle gefräßige Raupen ge’spottet’ (und ge’killt’) haben: tja, diese (Raupen) sehen nämlich tatsächlich erst einmal aus wie kleine Äste, deshalb das ‘spotten’.  (Was’n mit der Sprache von diesem Artikel, bitte? – ok, ok, – Nick ist Engländer und Marianne hört sich zumindest so an.)

catapillars sharpened focal stuff

these catapillars are still too sleepy for “catapillar samba”. They are also copy-cats, sorry, copy-catapillars.

Wart mal, – Papageien? Ja, doch. Sagen wir mal so, oder ‘Sog ma moi so’ (ok, ok,  – Marianne ist Österreicherin): die Pfadfindergruppen in Rheinhessen wundern sich auch, wenn die Winzerin in grosser blauer Latzhose in brauner Löss-Dekoration einen orange-grünen Vogel auf der Schulter hat, – aber im Café/im Apero in Darmstadt würden sie sich noch viel mehr wundern. Und dann sind da die besonderen Momente, wenn sich die beiden Vögel, Marzipan und Erbse heissen sie, mit allem Elan in ein Weinberg-Ritual werfen: das Wasser (aus der Sprühflasche), die Sonne, die grünen Blätter, und dazwischen weit ausgebreitete, (fast) donnernde, grüne Flügel, die durch die Blätter rauschen, als würden sie ihren eigenen ‘gnam nam’ style Tanz erfinden.

Aber da war noch was, mit Trauben, und mit Geduld üben und Natur-Forschung betreiben: Und stellvertretend für die vielen tausend Sachen, die wir lernen, über den schonenden Umgang mit Boden, über Krankheiten der Pflanzen, über das Herstellen eines Weins, der schmeckt und bei dem wir nicht allzu sehr in die Regale der Weinzusätze gegriffen haben, sei nur dieser eine Punkt erwähnt (mehr Themen im Blog):

Was man im März mit dem Boden macht, merkt man im Oktober an den Trauben. Fakt. Dieses sehr feinfühlige Gefüge, das wir da an diesem Sonntag Morgen vortreffen, als ein Pendel verstehen, das zu sehr ausschlägt, wenn man es ‘über-gut’ meint: zuviel ‘Tagescreme’ für den Boden, zu viel Friseurtermine für die Reben (für die, die’s genau wissen wollen: Um-ackern und Düngen beim Boden, Zurückschneiden bei den Reben), und man hat es gut gemeint. Aber man hat das Pendel im März zu arg in die eine Richtung bewegt, und im Oktober schlägt es, mit einer bombenartigen Geschwindigkeit von 0 km/h, arg in die andere Richtung aus: die Reben, ‘high’ von so einer Dosis an Energydrinks, haben zu viele Trauben produziert, diese hängen jetzt viel zu eng und werden dadurch leichter und leider faul, die Qualität der Ernte ist in Gefahr. Ein echter (Darmstaedter) Sonntags-Tatort eben, total entschleunigt.

photo sqaure rebe full tint

Fazit: Oberflächlich hat nix mit nix was zu tun: Die Ampel-Taktung in der Wilhelm-Leuschner-Strasse nix mit dem Fähr-fahrplan bei Nierstein (und so haben wir die Fähre wieder mal versäumt); und die Reben im März nix mit den Reben im Oktober: denn man würde sie gar nicht mehr erkennen, gäb’s da nicht das ehemals-rote Band.  Schon von einem Weinberg-Besuch zum nächsten kann’s ganz anders aussehen, weil die Begrünung bis zum Bauchnabel gewachsen ist oder ein paar Schädlinge alles abgefressen haben.

Diese Zusammenhänge, die es doch gibt, spüren zu lernen, das fühlt sich wie ein grosses Geschenk an. Dafür sind wir auch den Winzern dankbar, die uns dieses Gespür vermittelt haben, u a auch Johann Schnell, der jeden Samstag am Markt in Eberstadt seinen Wein verkauft. (Ah ja, und wir verkaufen im Internet).  Und dass die Sonja Schmitt in Bessungen unsere Papageien für die Etikette gezeichnet hat, und so viele Freunde aus Darmstadt schon da waren, im Weinberg, mit uns schon nachgepflanzt oder geerntet haben, und eine tolle Darmstädter Party mit unserem Wein gefeiert wurde, das sind auch solche Riesen-Zusammenhänge…., ok, vielleicht doch nicht.

Das Spritzen ist auch so ein Zusammenhangs-Thema, – nicht nur, weil der Spritzbehälter und der Traktor tatsaechlich ‘zusammen-hängen’ sollten, – auch bei Bio. Ich könnte noch viele Geschichten dazu erzählen, und wieso die grossen Zusammenhänge da eine so grosse Rolle spielen. Fuer das Basiswissen gibt’s den “Spritzschein” (für bio und konventionell) und der Blog dokumentiert die Bemühungen in Richtung Bio. Der 2013er Jahrgang wird bio zertifiziert sein, auch wenn die “Grüne Plakette”, die da an der Leuschner-Ampel wartet, immer noch nicht so ökologisch ist, wie wir das gerne hätten.  Aber inzwischen ist es Sonntag Abend, also Zeit, einen ausgehungerten Weinbergs-arbeits-magen mit Pizza zu füllen.  Hier darf jetzt jeder an sein Lieblingslokal in Darmstadt denken. Und daran, dass auch bei dem Getreide für diese Pizza irgendwer irgendwann mal entscheiden musste: Spritze ich?  Und so sind viele kleine alltägliche Entscheidungen von unserem kleinen Weinberg-Projekt beeinflusst. Vom Erfahren der grossen Zusammenhänge eben.

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